Auf gut Deutsch

  • Posted on: 22 May 2011
  • By: Don

Auf gut DeutschDie gebräuchliche, allzu gebräuchliche Parenthese „auf gut Deutsch“ oder auch „auf gut Deutsch gesagt“ leitet, obwohl sie – isoliert betrachtet – auf einen Euphemismus schließen lässt, eben keinen solchen ein, sondern einen Dysphemismus. „Parenthese? Euphemismus? Dysphemismus? Und was haben eigentlich diese Striche im Satz zu suchen?“ würde sich nun ein „Auf-gut-Deutsch“-Verwender fragen und lautstark zu dem Resultat „Das versteht – auf gut Deutsch gesagt – kein Schwein!“ kommen.

Die Redewendung entstammt wohl jener Zeit, als die lateinische Sprache noch herrschend in der Literatur, Wissenschaft, Politik und Kirche war und mithin die reibungslose Kommunikation auf Latein ein gesellschaftliches Privileg eben dieser kleinen Schicht darstellte. Der einfache Deutsche jener Zeit war indes weder in der Lage zu lesen noch zu schreiben oder gar des Lateins mächtig.

Selbst das Deutsch seinerzeit war keine standardisierte, allgemeinverständliche Sprache, sondern unterlag dem regionalen Einfluss. Die deutsche Sprache erfuhr erst durch zunehmende Publikationen in deutscher Sprache eine Standardisierung und Entwicklung. Maßgeblich daran beteiligt waren Martin Luthers Bibelübersetzung („Biblia Deudsch“, NT 1522 erschienen), Johann Christoph Adelungs Wörterbücher und Werke (ab 1774) und Jacob und Wilhelm Grimms 1838 begonnenes und erst 1961 abgeschlossenes, 32 Bände umfassendes Deutsches Wörterbuch (zusätzlicher Quellenband erschien 1971). Maßgebend für die deutsche Orthographie war Konrad Dudens „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ von 1880; für die deutsche Orthoepie Theodor Siebs' „Deutsche Bühnenaussprache“ von 1898 (ab der 19. Aufl., 1969, unter dem Titel „Deutsche Aussprache“).

Sollte nun also auch ein einfacher Deutscher jener von der lateinischen Sprache und Termini geprägten Zeit das Gesagte verstehen, so bedurfte es oftmals einer Übersetzung ins Deutsche. Das Adjektiv „deutsch“ entwickelte sich wiederum ursprünglich aus dem germanischen Þeudā („Volk“) über das altfränkische þeodisk als Gegenwort zu walhisk („fremd“, „romanisch“, „welsch“) sowie über das althochdeutsche thiudisk bzw. theodisk und diotisc bzw. diutisc. „Deutsch“ bedeutet somit ursprungsgemäß „zum Volk gehörig“.

Etwas „auf gut Deutsch“ sagen, heißt folglich etwas klarverständlich in der herrschenden deutschen Sprache für das einfache Volk, für einen Durchschnittsbürger ausdrücken. Es heißt aber nicht, alle Entwicklungen der deutschen Sprache zu verwerfen und eine Person, eine Sache oder einen Sachverhalt abfällig oder abwertend zu bezeichnen. Letzteres ist gleichwohl der Regelfall, wenn „auf gut Deutsch“ gebraucht wird. Deutsch ist es dann zumeist immer noch, aber regelmäßig nicht mehr gut. Zutreffender wäre dann wohl „in rohem Deutsch“. Denn die Güte eines Satzes zeichnet sich auch durch ein gewisses Feingefühl aus – das heißt, der Satz kann durchaus eine unmissverständliche Botschaft enthalten, diese sollte jedoch dennoch so umschrieben werden, dass sie nicht ignoriert und nicht ungewürdigt bleibt. Rohheiten wird man hingegen selten ernst nehmen können. Wer also in Barbarenmanier die rhetorische Keule schwingt, darf sich nicht wundern, dass er kein Gehör findet oder ihm gar ein schwacher Geist unterstellt wird.

Auffällig ist auch, dass die Redewendung zumeist überflüssig ist: Etwas Deutsches muss nicht ins Deutsche übersetzt, etwas Verständliches nicht umschrieben und etwas Simples nicht ins Rohe pervertiert werden. Statt beispielsweise „Das versteht – auf gut Deutsch gesagt – kein Schwein!“ reicht daher bereits „Das versteht doch niemand!“, statt des sehr gebräuchlichen Satzes „Das ist – auf gut Deutsch gesagt – scheiße!“ ist „Das ist miserabel!“ subtiler. Angebrachter ist es etwas „auf gut Deutsch“ zu sagen, wenn z.B. vorher unnötig oder übermäßig Anglizismen gebraucht wurden und ein Dritter dies verstehen soll. Wenn beispielsweise „Unser Associate wird Ihren Chief Human Resources Officer kontaktieren“ zu hören ist, heißt dies auf gut Deutsch: „Unser Sozietätsanwalt wird Ihren Personalleiter kontaktieren“.

Gutes Deutsch ist deshalb immer dann nötig, wenn Kauderwelsch gesprochen wird, also die deutsche Sprache übermäßig mit anderen bzw. fremden (welschen) Sprachen vermischt wird. Früher vollzog sich dies mit Latein, später schickte sich das Französische, heute ist es die englische Sprache. Andererseits kann gutes Deutsch auch nicht mit übermäßigem Deutsch gleichgestellt werden. Wer auf zutreffende Fachtermini oder gebräuchliche eingebürgerte Begriffe aus anderen Sprachen verzichtet, scheint nicht nur seinen persönlichen babylonischen Turm zu bauen, sondern dabei auch ein Stein auf den Kopf gefallen zu sein.

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